Der Begriff „Neurodivergenz“ ist in den vergangenen Jahren weit über psychologische und psychiatrische Fachkreise hinaus bekannt geworden. Vor allem in sozialen Medien finden sich zahlreiche Beiträge über Autismus und ADHS, über Reizempfindlichkeit, Masking, Hyperfokus, Schwierigkeiten mit sozialen Situationen oder Probleme bei der Organisation des Alltags. Für viele Menschen kann diese Entwicklung hilfreich sein, weil sie dadurch erstmals auf mögliche Zusammenhänge aufmerksam werden und für Erfahrungen, die sie vielleicht schon seit ihrer Kindheit begleiten, eine Sprache finden.

Mit der zunehmenden Verbreitung des Begriffs entsteht allerdings auch eine gewisse begriffliche Unschärfe. Viele Eigenschaften, die in populären Darstellungen mit ADHS oder Autismus verbunden werden, kommen in unterschiedlicher Ausprägung auch bei Menschen ohne entsprechende Diagnose vor. Gerade weil eine diagnostische Einordnung das eigene Selbstverständnis erheblich verändern kann, lohnt sich ein genauerer Blick darauf, was unter Neurodivergenz verstanden wird und welche Bedeutung einer professionellen Diagnostik zukommt.

Was bedeutet Neurodivergenz?

Neurodiversität beschreibt zunächst die Verschiedenheit menschlicher neurologischer und kognitiver Funktionsweisen. Das Konzept entwickelte sich wesentlich im Umfeld der Autismus- und Neurodiversitätsbewegung und war mit der Kritik verbunden, neurologische Besonderheiten ausschließlich unter dem Gesichtspunkt von Krankheit und Defizit zu betrachten. Neuere historische Arbeiten weisen darauf hin, dass die Entstehung des Neurodiversitätskonzepts nicht sinnvoll einer einzigen Person zugeschrieben werden kann, sondern aus einer breiteren Bewegung neurodivergenter Menschen hervorging (Botha et al., 2024).

„Neurodivergenz“ ist keine eigenständige medizinische oder psychotherapeutische Diagnose und findet sich weder in der ICD-11 noch im DSM-5-TR als diagnostische Kategorie. Häufig werden insbesondere Autismus und ADHS darunter gefasst, daneben beispielsweise Entwicklungsstörungen des schulischen Lernens oder das Tourette-Syndrom. Eine allgemein verbindliche klinische Definition, welche Störungen und Eigenschaften unter Neurodivergenz fallen, existiert allerdings nicht.

Autismus-Spektrum-Störung und ADHS werden in der ICD-11 dagegen als Störungen der neuronalen und psychischen Entwicklung klassifiziert. Für diese Diagnosen gelten definierte diagnostische Anforderungen. Bei Autismus gehören hierzu anhaltende Besonderheiten beziehungsweise Beeinträchtigungen der sozialen Kommunikation und wechselseitigen sozialen Interaktion sowie eingeschränkte, repetitive und unflexible Verhaltens-, Interessen- oder Aktivitätsmuster. Die Symptomatik entsteht während der Entwicklungsperiode, auch wenn sie unter Umständen erst später vollständig erkennbar wird (WHO, 2024).

Warum wir uns in Symptomlisten so leicht wiedererkennen

Viele psychische Symptome stellen keine außergewöhnlichen Erfahrungen dar, sondern bekannte menschliche Phänomene, die im Rahmen einer Störung eine besondere Intensität, Dauer, Kombination oder funktionelle Bedeutung annehmen können. Fast jeder Mensch kennt Phasen schlechter Konzentration, vergisst gelegentlich Termine, schiebt unangenehme Aufgaben auf oder verliert sich in einer Tätigkeit, die ihn besonders interessiert. Ebenso kennen viele Menschen Reizüberforderung, Rückzugsbedürfnisse oder Unsicherheit in sozialen Situationen.

Gerade kurze Beiträge in sozialen Medien können solche Merkmale aus ihrem diagnostischen Zusammenhang herauslösen. In einer 2025 veröffentlichten Untersuchung von 125 populären TikTok-Videos über ADHS wurden 50,4 Prozent der untersuchten Videos als irreführend und lediglich 19,2 Prozent als nützlich bewertet (Sieferle et al., 2025). Eine weitere Untersuchung von TikTok-Videos, die ausdrücklich mit „#ADHDtest“ gekennzeichnet waren, bewertete sogar 92 Prozent der analysierten Beiträge als irreführend (Yeung et al., 2024).

Interessant sind dabei auch experimentelle Befunde: Junge Erwachsene, denen fehlerhafte TikTok-Inhalte über ADHS gezeigt wurden, verfügten anschließend über weniger korrektes Wissen über die Störung, waren sich ihres vermeintlichen Wissens jedoch sicherer (Foulkes et al., 2025). Das Problem besteht daher nicht lediglich in einzelnen falschen Informationen. Die Art der Darstellung kann beeinflussen, wie Menschen ihre eigenen Erfahrungen interpretieren.

Für eine fachliche Beurteilung sind die gesamte Symptomkonstellation, ihre Ausprägung und Dauer, die Entwicklungsgeschichte und die Auswirkungen auf unterschiedliche Lebensbereiche relevant. Bei neuroentwicklungsbedingten Störungen kommt der Entwicklungsanamnese besondere Bedeutung zu. Eine qualifizierte Diagnostik kann deshalb ausführliche Gespräche, standardisierte Fragebögen und Testverfahren, biographische Informationen sowie – soweit verfügbar und sinnvoll – Angaben über Kindheit und Jugend umfassen.

Konzentrationsprobleme und ADHS

Gerade bei ADHS ist eine sorgfältige Differentialdiagnostik wichtig, weil Konzentrations- und Organisationsprobleme in unterschiedlichen psychischen und körperlichen Zusammenhängen auftreten können. Depressionen können beispielsweise Konzentrationsfähigkeit, Entscheidungsvermögen und Antrieb beeinträchtigen. Chronischer Stress und Schlafstörungen wirken sich ebenfalls auf Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis aus; auch Angststörungen, Substanzgebrauch, Medikamente und körperliche Erkrankungen können die kognitive Leistungsfähigkeit beeinflussen.

Eine besondere diagnostische Aufmerksamkeit verdienen Traumafolgen. Eine dauerhaft erhöhte innere Alarmbereitschaft kann erhebliche Aufmerksamkeitsressourcen binden. Hinzu können Schlafprobleme, emotionale Übererregung und Schwierigkeiten der Selbstregulation kommen. Für die therapeutische Planung ist deshalb die Entwicklungsgeschichte ebenso relevant wie die gegenwärtige Symptomatik.

Die Frage nach möglichen Komorbiditäten gehört ebenfalls zu einer umfassenden diagnostischen Betrachtung. ADHS, Angst, Depression oder andere psychische Erkrankungen schließen sich keineswegs gegenseitig aus. Differentialdiagnostik dient daher nicht nur der Entscheidung zwischen verschiedenen Diagnosen, sondern auch dem Erkennen gleichzeitig bestehender Störungen.

Autismus, soziale Unsicherheit und Rückzug

Auch bei Erwachsenen mit Verdacht auf eine Autismus-Spektrum-Störung kann die diagnostische Einordnung anspruchsvoll sein. Carroll, Thom und McDougle (2025) weisen in einem aktuellen Review darauf hin, dass insbesondere Überschneidungen mit Angststörungen, Depressionen, Zwangsstörungen, ADHS, Persönlichkeitsstörungen und Schizophrenie berücksichtigt werden müssen. Die Autorinnen und Autoren betonen dabei die Bedeutung des Beginns der Symptomatik in der Kindheit und des über die Entwicklung hinweg bestehenden charakteristischen Musters.

Gerade bei Erwachsenen kann die Situation dadurch kompliziert werden, dass sie über viele Jahre Strategien entwickelt haben, um Schwierigkeiten zu kompensieren oder nach außen weniger sichtbar werden zu lassen. Bei der Autismusdiagnostik im Erwachsenenalter werden deshalb auch Masking beziehungsweise Camouflaging, mögliche geschlechtsbezogene Unterschiede in der Präsentation und – soweit verfügbar – Informationen über die frühe Entwicklung berücksichtigt (Carroll et al., 2025).

Besondere Aufmerksamkeit verdient außerdem die Überschneidung mit Traumafolgestörungen und bestimmten Persönlichkeitsstörungen. Eine internationale Delphi-Studie mit Fachleuten untersuchte beispielsweise die Differentialdiagnostik von Autismus, komplexer PTBS, Bindungsstörungen und emotional instabiler Persönlichkeitsstörung und fand zahlreiche überlappende ebenso wie differenzierende Merkmale (Sarr et al., 2025). Gerade solche Überschneidungen verdeutlichen, weshalb einzelne Symptome oder Screeningfragebögen eine umfassende klinische Beurteilung nicht ersetzen können.

Warum eine genaue Diagnose therapeutisch wichtig ist

Eine Diagnose beeinflusst häufig weit mehr als die Wahl einer Therapie. Sie kann die Interpretation der eigenen Lebensgeschichte verändern. Schwierigkeiten in Schule, Studium, Beruf oder Beziehungen erscheinen unter einer neuen Perspektive, und Erfahrungen, die zuvor vielleicht mit persönlichem Versagen oder mangelnder Willenskraft erklärt wurden, können verständlicher werden.

Für Erwachsene mit spät erkanntem Autismus kann eine fundierte Diagnose beispielsweise dazu beitragen, langjährige soziale und sensorische Schwierigkeiten einzuordnen und angemessene Unterstützungsmaßnahmen zu entwickeln. Aktuelle fachliche Empfehlungen zur Autismusdiagnostik bei Erwachsenen betonen deshalb eine mehrdimensionale Beurteilung und die Berücksichtigung gleichzeitig bestehender psychischer Erkrankungen (Carroll et al., 2025).

Eine unzutreffende Erklärung kann jedoch ebenfalls weitreichende Folgen haben. Werden traumabedingte Schwierigkeiten ausschließlich als Ausdruck einer angeborenen Neurodivergenz verstanden, können psychische Prozesse aus dem Blick geraten, die therapeutisch bearbeitbar wären. Ebenso problematisch wäre es, tatsächliche neuroentwicklungsbedingte Besonderheiten über Jahre ausschließlich als Depression, Angststörung, Persönlichkeitsproblematik oder Folge mangelnder Motivation zu interpretieren.

Die WHO bezeichnet eine genaue diagnostische Einordnung ausdrücklich als wesentliche Voraussetzung für eine angemessene Versorgung und Behandlung. Die 2024 veröffentlichten Clinical Descriptions and Diagnostic Requirements der ICD-11 wurden gerade mit dem Ziel entwickelt, die zuverlässige klinische Identifikation psychischer, Verhaltens- und neuroentwicklungsbedingter Störungen zu verbessern (WHO, 2024).

Diagnostik kann vor unnötiger Pathologisierung schützen

Die gegenwärtige Diskussion über Neurodivergenz enthält ein Spannungsfeld. Die Neurodiversitätsbewegung hat wesentlich dazu beigetragen, die große Bandbreite menschlicher Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen anzuerkennen. Eine sehr weite Verwendung psychologischer und psychiatrischer Begriffe kann gleichzeitig dazu führen, dass zunehmend auch normale Unterschiede zwischen Menschen diagnostisch interpretiert werden.

Menschen unterscheiden sich erheblich darin, wie gesellig sie sind, wie viel Ruhe sie benötigen, wie empfindlich sie auf Geräusche reagieren, wie strukturiert sie ihren Alltag organisieren oder wie intensiv sie sich mit bestimmten Themen beschäftigen. Persönlichkeit und Temperament besitzen eine große Variationsbreite, zu der Lebensgeschichte, Lernerfahrungen und aktuelle Lebensbedingungen hinzukommen.

Eine sorgfältige Diagnostik trägt deshalb auch dazu bei, diese Variabilität zu erhalten. Individuelle Bedürfnisse benötigen keine psychiatrische Diagnose, um ernst genommen zu werden. Geräuschempfindlichkeit, ein ausgeprägtes Rückzugsbedürfnis oder Schwierigkeiten mit Organisation können im Alltag berücksichtigt werden, unabhängig davon, ob die Kriterien einer bestimmten Störung erfüllt sind.

Neurodivergenz und Leidensdruck

Für die Psychotherapie ist außerdem von Bedeutung, wie persönliche Voraussetzungen und Umweltbedingungen miteinander interagieren. Schwierigkeiten entstehen nicht ausschließlich aus Eigenschaften einer Person, sondern können sich aus einer mangelnden Passung zwischen ihren Voraussetzungen und den Anforderungen ihrer Umwelt ergeben.

Ein autistischer Mensch kann beispielsweise durch sensorische und soziale Anforderungen erheblich belastet werden, während eine besser angepasste Umgebung diese Belastung reduziert. Ein Mensch mit ADHS kann in einem sehr rigiden Arbeitsumfeld andere Schwierigkeiten entwickeln als unter Arbeitsbedingungen, die mehr Flexibilität ermöglichen.

Eine diagnostische Einordnung sollte deshalb nicht automatisch zu dem therapeutischen Ziel führen, einen Menschen möglichst weitgehend an eine vermeintliche Normalität anzupassen. Für manche Betroffene sind Psychoedukation, Selbstverständnis, Strategien zur Alltagsorganisation, Reizregulation oder Veränderungen der Lebensbedingungen mindestens ebenso bedeutsam wie eine symptomorientierte Behandlung.

Selbstdiagnosen ernst nehmen

Menschen, die mit einem Verdacht auf ADHS oder Autismus in eine psychotherapeutische oder psychiatrische Diagnostik kommen, haben sich häufig bereits intensiv mit dem Thema beschäftigt. Manche haben Selbsttests durchgeführt, Erfahrungsberichte gelesen und über längere Zeit beobachtet, welche Beschreibungen auf sie zutreffen.

Diese Vorbeschäftigung liefert wichtige Informationen über das subjektive Erleben und sollte in einer diagnostischen Untersuchung berücksichtigt werden. Gleichzeitig müssen auch Befunde einbezogen werden, die andere Erklärungen nahelegen. Eine professionelle Diagnostik lässt ihr Ergebnis deshalb offen und entwickelt aus Anamnese, Symptomatik, Entwicklungsverlauf, Funktionsniveau und möglichen Differentialdiagnosen ein Gesamtbild.

Neurodiversität braucht diagnostische Genauigkeit

Die zunehmende gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Neurodivergenz hat dazu beigetragen, Menschen mit Autismus oder ADHS weniger vorschnell als schwierig, unmotiviert, unsozial oder undiszipliniert zu beurteilen. Sie hat außerdem vielen Erwachsenen ermöglicht, sich erstmals mit der Frage auseinanderzusetzen, ob langjährige Schwierigkeiten einen neuroentwicklungsbedingten Hintergrund besitzen könnten.

Eine inflationäre Verwendung des Begriffs birgt allerdings die Gefahr, seine erklärende Funktion abzuschwächen. Wenn nahezu jede Form von Reizempfindlichkeit, Introversion, Konzentrationsschwäche oder sozialer Unsicherheit als Neurodivergenz verstanden wird, wird es zunehmend schwieriger, zwischen menschlicher Variabilität, vorübergehenden Belastungsreaktionen und klinisch relevanten neuroentwicklungsbedingten Besonderheiten zu unterscheiden.

Eine psychotherapeutisch sinnvolle Haltung verbindet deshalb die Anerkennung unterschiedlicher Formen menschlicher Wahrnehmung und Informationsverarbeitung mit diagnostischer Sorgfalt. Eine Diagnose ist keine Voraussetzung dafür, dass persönliche Bedürfnisse und Eigenheiten ernst genommen werden. Wenn sie jedoch zur Erklärung langjähriger Schwierigkeiten und zur Planung therapeutischer oder unterstützender Maßnahmen herangezogen wird, sollte sie auf einer fundierten fachlichen Abklärung beruhen.

Gerade dies entspricht auch dem Grundgedanken von Neurodiversität: Unterschiede dürfen als Unterschiede bestehen bleiben. Wo sie jedoch diagnostisch eingeordnet werden sollen, verdienen die betroffenen Menschen eine Differenzierung, die der Komplexität ihrer individuellen Entwicklung gerecht wird.

Literatur

Botha, M. et al. (2024). The neurodiversity concept was developed collectively: An overdue correction on the origins of neurodiversity theory. Autism.

Carroll, H. M., Thom, R. P. & McDougle, C. J. (2025). The differential diagnosis of autism spectrum disorder in adults. Expert Review of Neurotherapeutics, 25(6), 635–648.

Foulkes, L. et al. (2025). Misinformation mayhem: The effects of TikTok content on ADHD knowledge, stigma, and treatment-seeking intentions. European Child & Adolescent Psychiatry.

Sarr, R. et al. (2025). Differential diagnosis of autism, attachment disorders, complex post-traumatic stress disorder and emotionally unstable personality disorder: A Delphi study. British Journal of Psychology, 116(1), 1–33.

Sieferle, K. et al. (2025). Quality and Perception of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Content on TikTok: Cross-Sectional Study. JMIR Infodemiology.

World Health Organization (WHO) (2024). Clinical Descriptions and Diagnostic Requirements for ICD-11 Mental, Behavioural and Neurodevelopmental Disorders. Geneva: World Health Organization.

Yeung, A. et al. (2024). How evidence-based is the “hashtag ADHD test” (#adhdtest)? A cross-sectional content analysis of TikTok videos on attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) screening.

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