Es gibt eine eigentümliche Kränkung, die zum Menschsein gehört: Wir können unser Leben gestalten, aber wir können nicht darüber verfügen.
Wir treffen Entscheidungen, schmieden Pläne, gehen Beziehungen ein, beginnen Berufe, verlassen Orte, bauen Häuser, gründen Familien. Vieles davon vermittelt uns das Gefühl, Urheber unseres Lebens zu sein. Und doch genügt manchmal ein einziger Augenblick, um uns daran zu erinnern, wie begrenzt diese Autorschaft ist. Eine Diagnose. Ein Unfall. Der Tod eines Menschen. Eine Trennung. Eine Kündigung. Ein Krieg. Oder schlicht die Erkenntnis, dass eine Möglichkeit, auf die wir lange gehofft haben, nicht mehr eintreten wird.
Das Leben fragt nicht immer um Erlaubnis.
Vielleicht besteht eine der schwierigsten Aufgaben menschlicher Existenz deshalb darin, zwei Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten: dass wir unser Leben gestalten können – und dass uns dieses Leben zugleich widerfährt.
Die Grenze unserer Macht
Die stoische Philosophie hat diese Unterscheidung früh ins Zentrum ihrer Lebenskunst gestellt. Epiktet beginnt sein Handbüchlein der Moral mit der nüchternen Feststellung, dass einige Dinge in unserer Macht stehen und andere nicht. Unsere Urteile, unsere Entscheidungen und unsere Haltungen gehören zumindest grundsätzlich zu uns. Was andere Menschen tun, ob wir krank werden, ob wir Anerkennung erhalten und letztlich sogar, wie lange wir leben, entzieht sich dagegen weitgehend unserer Verfügung.
Das klingt zunächst beinahe banal. Psychologisch aber ist diese Unterscheidung enorm anspruchsvoll.
Denn ein erheblicher Teil menschlichen Leidens entsteht nicht allein durch das, was geschehen ist, sondern durch den verzweifelten Versuch, eine Wirklichkeit nachträglich in eine andere verwandeln zu wollen: Es hätte nicht geschehen dürfen. Er hätte mich nicht verlassen dürfen. Ich hätte nicht krank werden dürfen. Mein Leben hätte anders verlaufen müssen.
Diese Sätze können vollkommen verständlich und sogar wahr sein. Manche Dinge hätten tatsächlich nicht geschehen dürfen. Menschen können uns Unrecht antun. Krankheiten sind ungerecht. Verluste sind nicht deshalb sinnvoll, weil sie unvermeidlich sind.
Aber die Wirklichkeit besitzt eine unerbittliche Eigenschaft: Was geschehen ist, lässt sich nicht dadurch ungeschehen machen, dass wir seine Realität verweigern.
Akzeptanz bedeutet deshalb nicht Zustimmung. Sie bedeutet zunächst nur, aufzuhören, mit einer bereits eingetretenen Wirklichkeit darüber zu verhandeln, ob sie eingetreten sein darf.
Die letzte Freiheit
Kaum jemand hat diesen Gedanken eindringlicher formuliert als Viktor Frankl. Seine Erfahrung der Konzentrationslager stellte die Frage nach menschlicher Freiheit unter den radikalsten denkbaren Bedingungen. Fast alles konnte einem Menschen genommen werden: Besitz, gesellschaftliche Stellung, körperliche Unversehrtheit, Angehörige, Zukunftspläne und schließlich das eigene Leben.
Und dennoch beharrte Frankl darauf, dass etwas übrigbleiben könne: die Freiheit, zur gegebenen Situation Stellung zu beziehen.
Diese Freiheit ist keine Freiheit vom Schicksal. Sie ist eine Freiheit gegenüber dem Schicksal.
Der Unterschied ist entscheidend.
Wir können nicht immer wählen, was uns widerfährt. Aber zwischen dem Ereignis und der Weise, wie wir uns langfristig zu diesem Ereignis verhalten, eröffnet sich ein Raum. Manchmal ist er groß. Manchmal erschreckend klein. Aber gerade dieser Raum ist für Frankl der Ort menschlicher Würde.
Der Mensch ist dann nicht vollkommen frei. Aber er ist auch nicht vollkommen determiniert. Er ist ein Wesen, das sich zu seinen Bedingungen verhalten kann. Das ist vielleicht eine der erstaunlichsten Fähigkeiten unseres Bewusstseins überhaupt: Wir erleben nicht nur Angst – wir können bemerken, dass wir Angst haben. Wir leiden nicht nur – wir können uns zu unserem Leiden verhalten. Wir besitzen eine Biografie – und zugleich können wir darüber nachdenken, welche Bedeutung wir dieser Biografie geben wollen.
Wir sind nicht nur das, was uns geschehen ist. Wir sind auch die Antwort, die wir darauf geben.
Freiheit ist nicht die Pflicht, glücklich zu sein
Dieser Freiheitsgedanke birgt allerdings eine Gefahr. Aus der Freiheit der Stellungnahme kann schnell eine Pflicht zur gelungenen Bewältigung werden.
Dann heißt es: Du musst nur deine Einstellung ändern. Sieh das Positive. Wachse daran. Alles geschieht aus einem Grund.
Psychologisch ist das nicht nur naiv, sondern mitunter grausam.
Wer einen Menschen verloren hat, muss darin keinen Sinn entdecken. Wer schwer erkrankt, muss seine Krankheit nicht als Geschenk begreifen. Wer traumatisiert wurde, schuldet niemandem posttraumatisches Wachstum. Und wer verzweifelt ist, hat seine Freiheit nicht dadurch verspielt, dass er im Augenblick keinen konstruktiven Umgang mit seinem Schicksal findet.
Gerade hier muss Frankls Gedanke sorgfältig verstanden werden. Die Freiheit der Haltung bedeutet nicht, dass wir unsere Gefühle frei wählen könnten. Wir entscheiden nicht morgens, ob wir heute traurig, ängstlich oder verzweifelt sein wollen. Unser Nervensystem reagiert lange bevor unsere Vernunft einen philosophischen Standpunkt formuliert hat. Traumatische Erfahrungen können Wahrnehmung, Körperreaktionen und Handlungsmöglichkeiten tiefgreifend verändern. Depression kann den Horizont möglicher Zukunft verdunkeln. Angst kann die Welt objektiv enger erscheinen lassen.
Die letzte Freiheit des Menschen ist deshalb keine souveräne Herrschaft über die eigene Psyche, sie ist wesentlich bescheidener. Ich kann vielleicht nicht entscheiden, ob ich Angst habe. Aber irgendwann kann ich entscheiden, ob die Angst allein bestimmen soll, wohin ich gehe. Ich kann nicht entscheiden, ob ich trauere. Aber ich kann entscheiden, ob ich meine Trauer als Schwäche verachte oder als Ausdruck dessen anerkenne, dass mir jemand wichtig war. Ich kann nicht entscheiden, dass eine Verletzung niemals stattgefunden hat. Aber möglicherweise kann ich irgendwann entscheiden, ob derjenige, der mich verletzt hat, dadurch auch über den Rest meines Lebens bestimmen soll. Ich kann also wählen, wie ich mit mir selbst umgehe.
Zwischen Reiz und Reaktion liegt nicht immer sofort Freiheit
Die Psychologie ergänzt die existenzphilosophische Perspektive um einen wichtigen Gedanken: Freiheit braucht Voraussetzungen.
Ein Mensch im Zustand extremer Angst, traumatischer Übererregung oder tiefer Depression verfügt nicht über dieselben inneren Handlungsspielräume wie ein psychisch stabiler Mensch. Unsere Fähigkeit zur Selbstregulation, unsere Bindungserfahrungen, soziale Unterstützung, körperliche Gesundheit und materielle Sicherheit beeinflussen erheblich, welche Möglichkeiten wir überhaupt wahrnehmen können.
Das relativiert Freiheit – aber es hebt sie nicht notwendig auf.
Therapie kann deshalb auch als Arbeit an der Vergrößerung dieses inneren Spielraums verstanden werden.
Zunächst lautet die Erfahrung vielleicht:
Es geschieht mit mir.
Später:
Ich bemerke, was mit mir geschieht.
Und irgendwann vielleicht:
Ich kann entscheiden, wie ich darauf antworten möchte.
Zwischen diesen Sätzen liegt ein wesentlicher Teil psychotherapeutischer Veränderung.
Die moderne Akzeptanz- und Commitmenttherapie spricht in ähnlicher Weise davon, unangenehme innere Erfahrungen nicht um jeden Preis beseitigen zu müssen. Entscheidend ist vielmehr die Frage: Welches Leben möchte ich führen, auch wenn Angst, Schmerz oder Unsicherheit mit mir unterwegs sind?
Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung. Die Frage lautet nicht mehr ausschließlich:
Wie bekomme ich dieses Gefühl weg?
Sondern:
Wer möchte ich angesichts dieses Gefühls sein?
Das Schicksal als Grenze – und als Aufgabe
Damit verändert sich auch der Begriff des Schicksals.
Schicksal muss nichts Mystisches bedeuten. Es bezeichnet zunächst jene Anteile unseres Lebens, die wir nicht gewählt haben und nicht mehr verändern können.
Niemand wählt seine genetische Ausstattung, seine frühe Kindheit, den historischen Zeitpunkt seiner Geburt oder die Tatsache seiner Sterblichkeit. Auch viele spätere Ereignisse entziehen sich unserer Kontrolle.
Aber das Gegebene ist nicht dasselbe wie das Endgültige.
Jean-Paul Sartre hat diese Struktur radikaler gefasst: Wir finden uns stets in einer bestimmten Situation vor – und müssen dennoch etwas aus ihr machen. Unsere Freiheit beginnt niemals bei null. Sie beginnt mitten in einer Welt, die schon da ist.
Wir wählen nicht die Karten, wir spielen mit ihnen.
Diese Metapher hat allerdings eine Grenze, denn manche Menschen erhalten zweifellos aus einer lebensbedürfnisorientierten Perspektive schlechtere Karten als andere. Eine Philosophie, die das verschweigt, verwandelt gesellschaftliche Ungerechtigkeit in individuelles Versagen. Nicht jedes Problem ist durch eine bessere Haltung lösbar. Manches verlangt politische Veränderung, Schutz, medizinische Behandlung oder konkrete Hilfe.
Und trotzdem bleibt die Frage nach der Haltung bestehen.
Gerade dort, wo Veränderung nicht mehr möglich ist, wird sie unausweichlich.
Die Vergangenheit ist unveränderlich – ihre Bedeutung nicht
Eine besonders interessante Form dieser Freiheit betrifft unsere eigene Biografie. Die Vergangenheit ist abgeschlossen. Kein therapeutisches Verfahren und keine philosophische Einsicht kann verändern, was geschehen ist. Aber Vergangenheit existiert für uns niemals nur als Ansammlung objektiver Ereignisse: Sie existiert als erinnerte, erzählte und interpretierte Vergangenheit.
Deshalb kann sich die Bedeutung eines Ereignisses verändern, obwohl das Ereignis selbst unverändert bleibt.
Eine Trennung, die zunächst ausschließlich als Scheitern erlebt wurde, kann Jahre später auch als Befreiung erscheinen. Eine berufliche Niederlage kann zum Ausgangspunkt einer anderen Entwicklung werden. Selbst eine schmerzhafte Erfahrung kann in eine Lebensgeschichte integriert werden, ohne dadurch nachträglich gut zu werden.
Das ist keine bloße Schönfärberei.
Es bedeutet nicht: Es war gut, dass es geschehen ist.
Es bedeutet:
Es ist geschehen. Und ich entscheide mit darüber, welchen Platz es in meinem Leben bekommen wird.
Damit gewinnen wir eine merkwürdige Form von Macht über etwas, das unserer Macht vollständig entzogen scheint: die Vergangenheit. Wir können die Tatsachen nicht verändern. Doch was uns bleibt, ist die Möglichkeit zu verändern, welche Geschichte diese Tatsachen über uns erzählen.
Amor fati?
Nietzsche geht noch einen Schritt weiter. Sein amor fati, die Liebe zum eigenen Schicksal, verlangt nicht nur, das Unvermeidliche zu ertragen, sondern das eigene Leben so zu bejahen, dass man nichts daran anders haben wollte.
Das ist eine ungeheure Forderung. Vielleicht eine zu große. Denn muss man wirklich lieben, was einen verletzt hat?
Vielleicht genügt etwas Kleineres: Nicht amor fati, sondern zunächst eine Art acceptatio fati: die Anerkennung dessen, was ist. Ich muss meine Krankheit nicht lieben. Ich muss meinen Verlust nicht lieben. Ich muss nicht dankbar für das sein, was mich verletzt hat.
Doch vielleicht kann ich irgendwann sagen:
Es gehört zu meinem Leben. Und weil es zu meinem Leben gehört, werde ich entscheiden, was ich damit mache.
Vielleicht liegt darin eine reifere Form der Versöhnung als in jeder erzwungenen Dankbarkeit.
Die Würde der Antwort
Am Ende führt die Frage nach dem Schicksal deshalb zu einer Frage nach menschlicher Würde.
Würde besteht möglicherweise gerade darin, dass der Mensch niemals vollständig auf das reduziert werden kann, was ihm widerfährt. Wir sind geprägt, aber nicht ausschließlich unsere Prägungen. Wir sind verletzt, aber nicht identisch mit unseren Verletzungen. Wir sind unsere Vergangenheit – und zugleich diejenigen, die sich zu dieser Vergangenheit verhalten. Solange wir leben, bleibt unsere Geschichte deshalb auf eigentümliche Weise unabgeschlossen. Manches können wir verändern. Dann sollten wir handeln. Manches können wir verlassen. Dann dürfen wir gehen. Manches können wir verhindern. Dann sollten wir Verantwortung übernehmen.
Und manches können wir nicht mehr ändern. Dann beginnt eine andere Form der Freiheit.
Sie besteht nicht darin, die Wirklichkeit unserem Willen zu unterwerfen. Sie besteht darin, der Wirklichkeit nicht das letzte Wort darüber zu überlassen, wer wir sein werden. Vielleicht ist das die kleinste Freiheit, die der Mensch besitzt.
Und vielleicht gerade deshalb seine größte.