Existenzielle und neurobiologische Reflexionen in Zeiten kollektiver Eskalation
Es gibt eine Form von Angst, die nicht plötzlich hereinbricht, sondern sich allmählich verdichtet. Sie ist kein Ereignis, sondern ein Zustand. Ein leises, anhaltendes Bedrängtsein, das sich in den Körper einschreibt: flacher Atem, gespannte Muskeln, ein plötzliches bewusstwerden des Verlorengegangenseins von Sicherheit und Freude, ein kaum merkliches Innehalten vor jeder Zukunft. Diese Angst scheint weniger persönlich als vielmehr weltbezogen zu sein – genährt von geopolitischer Gewalt, ökologischer Zerstörung und dem diffusen Wissen, dass zentrale Lebensgrundlagen prekär geworden sind.
Was sich hier meldet, ist keine bloß subjektive Befindlichkeit. Es ist eine existentielle Resonanz auf eine Welt, die ihre Versprechen von Stabilität zunehmend zurücknimmt. Die Gegenwart fühlt sich nicht mehr als Durchgang an, sondern als Engpass.
Kierkegaards Angst: Möglichkeit ohne Halt
Bereits Kierkegaard unterschied um 1844 die Angst von der konkreten Furcht. Angst, so schreibt er, sei nicht auf ein Objekt gerichtet, sondern entspringe der Möglichkeit selbst. Sie sei das Schwindelgefühl der Freiheit – das Erleben, dass alles auch anders sein könnte und dass der Mensch diesem Offenen ausgesetzt ist.
In der heutigen Situation erhält diese Beschreibung eine neue Dringlichkeit. Die Möglichkeit ist nicht mehr abstrakt-existenziell, sondern global real: ökologische Kipppunkte, politische Radikalisierungen, systemische Instabilitäten. Die Angst entspringt nicht mehr nur der Freiheit des Einzelnen, sondern der Fragilität der Welt als solcher. Der Abgrund, in den Kierkegaards Mensch blickt, ist nicht mehr nur innerlich – er ist planetarisch geworden.
Kollektives Trauma und die Speicherung von Bedrohung
Neurobiologisch betrachtet reagiert der Mensch nicht primär auf Diskurse oder Prognosen, sondern auf wahrgenommene Unsicherheit. Das autonome Nervensystem – insbesondere die evolutionär alten Strukturen des Hirnstamms und des limbischen Systems – ist darauf spezialisiert, Gefahr frühzeitig zu erkennen. Es unterscheidet dabei kaum zwischen individueller und kollektiver Bedrohung.
Hier setzt das Konzept des kollektiven Traumas an. Gesellschaftliche Katastrophen – Kriege, Pandemien, ökologische Desaster – werden nicht nur erinnert, sondern somatisch gespeichert. Über Medienbilder, Erzählungen, familiäre Übertragungen und soziale Atmosphären wird Bedrohung weitergegeben. Das Nervensystem vieler Menschen befindet sich dadurch in einem Zustand chronischer Alarmbereitschaft: sympathische Übererregung oder parasympathische Erstarrung.
Diese Zustände sind keine Pathologien im engeren Sinn, sondern Anpassungsleistungen. Der Körper versucht, auf eine Welt zu reagieren, die als unsicher erlebt wird.
Bindungstrauma: Wenn Regulation nie verlässlich war
Besonders verletzlich sind jene Nervensysteme, die bereits früh gelernt haben, ohne stabile Co-Regulation auszukommen. Bindungstrauma, häufig in der Kindheit entstanden, bezeichnet die Erfahrung, dass Nähe nicht zuverlässig sicher war – oder Sicherheit an Bedingungen geknüpft blieb. Neurobiologisch bedeutet dies, dass sich die Fähigkeit zur Selbstregulation nur unzureichend entwickeln konnte.
Ein solches Nervensystem lebt häufig in einem schmalen Toleranzfenster. Es kippt schneller in Übererregung (Angst, Panik, Hypervigilanz) oder Untererregung (Erschöpfung, Dissoziation, Hoffnungslosigkeit). Aktuelle weltpolitische und ökologische Bedrohungen wirken hier wie ein Verstärker: Sie reaktivieren frühe Erfahrungen existenzieller Unsicherheit.
Die Gegenwart wird dann nicht nur verstanden, sondern körperlich erinnert. Die Angst ist nicht „übertrieben“, sondern konsistent mit der inneren Geschichte des Nervensystems.
Die Neurobiologie des Bedrängtseins
Chronische Bedrohung verändert Wahrnehmung. Unter anhaltendem Stress übernimmt das Überlebenssystem die Führung: Der präfrontale Kortex – zuständig für Reflexion, Abwägung und Zukunftsplanung – tritt in den Hintergrund. Stattdessen dominieren schnelle, binäre Reaktionsmuster. Die Welt wird enger, die Zeit kürzer, das Denken rigider.
Genau hier zeigt sich die Verbindung von Neurobiologie und Existenzphilosophie: Das, was als „Verlust von Freiheit“ erlebt wird, ist zugleich ein physiologischer Zustand. Freiheit setzt Regulation voraus. Ohne ein ausreichend beruhigtes Nervensystem wird Möglichkeit zur Bedrohung.
Selbstwirksamkeit als verkörperte Erfahrung
In diesem Kontext erhält Selbstwirksamkeit eine neue Bedeutung. Sie ist nicht primär die Fähigkeit, äußere Systeme zu verändern, sondern zunächst die Erfahrung, innere Zustände beeinflussen zu können. Neurobiologisch beginnt Selbstwirksamkeit dort, wo das Nervensystem erfährt: Ich kann von Alarm zu Regulation wechseln.
Für viele Menschen bedeutet dies eine Umkehr der gängigen Aktivismuslogik. Nicht erst handeln, um sich wirksam zu fühlen – sondern regulieren, um überhaupt handlungsfähig zu werden. Atem, Rhythmus, Beziehung, Berührung, Resonanz: All dies sind keine Nebenschauplätze, sondern Grundlagen politischer und ethischer Handlungsfähigkeit.
Kierkegaard würde vielleicht sagen: Erst wer die Angst aushalten kann, ohne vor ihr zu fliehen, gewinnt ein Selbst. Neurobiologisch gesprochen: Erst ein reguliertes Nervensystem kann Offenheit ertragen, ohne zu kollabieren.
Existenzielle Würde im Zeitalter der Überforderung
Das Bedrängungsgefühl unserer Zeit ist nicht einfach zu therapieren und nicht wegzudenken. Vielleicht ist es Ausdruck einer wachen Existenz, die sich der Realität nicht entzieht. Die Frage ist nicht, wie wir angstfrei werden, sondern wie wir angstfähig bleiben.
Würde zeigt sich heute weniger in Souveränität als in der Fähigkeit zur Selbstanbindung. In der Bereitschaft, Verletzlichkeit nicht zu pathologisieren, sondern als Bedingung von Verbundenheit zu begreifen. In der Anerkennung, dass individuelle Nervensysteme immer auch soziale und historische Archive sind.
Vielleicht liegt darin eine stille Hoffnung: Dass aus dem bewussten Durchleben der Angst – individuell wie kollektiv – neue Formen von Verantwortung entstehen. Nicht getragen von Allmachtsfantasien, sondern von einer verkörperten Ethik des Maßes. Langsam. Unvollkommen. Aber lebendig.