Es ist Advent, jene Jahreszeit, in der Geschenke überall auftauchen – manche achtlos gekauft, andere getragen von einer Sehnsucht nach Bedeutung. Zwischen Konsumrauschen und übervollen Einkaufsstraßen entstehen aber auch seltene Momente stiller Achtsamkeit, in denen Menschen den Mut finden, Haltung zu zeigen… und Dankbarkeit.
An einem dieser unscheinbaren Dezembervormittage, an denen die Stunde erst ruhig beginnt, bevor sie ein wenig mehr von der inneren Welt preisgibt, tritt mein Klient ein. Vorsichtig, wie immer, doch mit einem Ausdruck von Klarheit, der in den vergangenen Monaten still in ihm heranreift.
Zum Abschied überreicht er mir eine Kerze.
Keine kleine Geste, sondern eine bedeutungsvolle Gabe. Und ich bin tief berührt, denn diese Kerze erzählt eine Geschichte – seine.
Licht ins Dunkel – Die Wahl der Kerze
Er sagt, die Kerze stehe für das Licht, das im Laufe der Therapie in so vielen dunklen Ecken sichtbar geworden ist. Erkenntnisse zeigen sich – manchmal sanft glimmend, manchmal plötzlich hell aufflammend. Es ist nicht das Licht, das von außen kommt, sondern jenes, das man in sich selbst findet, wenn man endlich stehen bleibt, hinschaut und den Mut fasst, im Inneren aufzuräumen.
Die Kerze wird so zu einem Sinnbild des inneren Weges:
dem Weg vom ungeformten Schatten zu einem Ort, an dem Konturen erkennbar werden.
Dem Weg der Selbstbegegnung.
Der Knoten am Glas – Blockaden, die sich lösen dürfen
Um das Glas hat er ein kleines Bändchen gebunden.
„Weil sich so viele Knoten gelöst haben“, erklärt er.
In der Therapie arbeiten wir oft mit diesen inneren Knoten – jenen Verwicklungen, die in der Kindheit beginnen und bis ins Erwachsenenleben hinein Spannung erzeugen. Knoten der Angst, des Zweifels, der Scham. Knoten, die einen enger halten, als es einem guttut.
Das Band ist für ihn nicht nur ein Symbol des Lösens, sondern auch der Anerkennung:
Knoten gehören zum Leben. Und sie dürfen sich mit Geduld und Achtsamkeit nach und nach öffnen.
Das etwas zu kleine Glas – Sich seinen Platz erschaffen
Besonders berührt mich seine Erklärung zum Glas:
Er wählt absichtlich eines, das eigentlich zu klein für die Kerze ist.
„Weil ich gelernt habe, dass man in der Transformation selbst merkt, wo man Platz findet“, sagt er. „Am Anfang denke ich immer, ich passe nicht. Doch wenn man sich verändert, findet man Raum. Man formt sich – und das Leben formt sich mit. Und gleichzeitig ist es ein Ankommen, ein Friedenschließen mit dem eigenen Körper - also auch hier in sich selbst Platz finden.“
Es ist ein stiller, wunderschöner Gedanke:
Nicht alles muss von Anfang an perfekt passen.
Manchmal entsteht Passung erst durch Entwicklung, durch das Wachsen in den eigenen Körper, in das eigene Selbst, in das eigene Leben.
Die Kerze, die langsam schmilzt und sich dem Glas anpasst, wird so zu einem Abbild seines eigenen Werdens:
Sich zurechtfinden. Raum einnehmen. Den eigenen Platz nicht finden müssen, sondern erschaffen lernen.
Das geriffelte Glas – Die Facetten des Lebens
Schließlich erzählt er, weshalb er ein geriffeltes Glas gewählt hat:
In den Wellen und Kerben sieht er die Vielfalt des Lebens wieder – seine Höhen, seine Tiefen, seine unregelmäßigen, überraschenden Muster.
„Ich denke immer, mein Leben müsste glatt sein“, sagt er. „In der Therapie merke ich, wie spannend es ist, dass es Ecken gibt. Dass es Vielfalt gibt. Dass ich viele Seiten habe.“
Die Riffelung lässt das Kerzenlicht brechen – in kleine Splitter von Glanz.
Ein poetisches Sinnbild dafür, dass unser Licht nie einfach nur gerade strahlt.
Es wird gebrochen von Erfahrung, von Verletzung, von Wachstum – und wird dadurch erst schön.
Ein Geschenk, das zur Metapher wird
Als ich später die Kerze entzünde, füllt ein stiller, warmer Schimmer den Raum. Doch noch stärker ist das Gefühl, das sie in mir auslöst: die tiefe Dankbarkeit dafür, dass Therapie manchmal Momente hervorbringt, die sich nicht in Worte fassen lassen, sondern in Gesten, in Symbolen, in kleinen Dingen, die das Herz weitertragen als jede theoretische Einsicht.
Diese Kerze ist kein Geschenk an mich allein.
Sie ist ein Geschenk an den Weg, den wir gemeinsam gehen.
Und an das Leben selbst – mit all seinen Knoten, seinen zu kleinen Gläsern, seinen Riffelungen, seinem Licht.
Und vielleicht, denke ich, ist es genau das, was echte Veränderung ausmacht:
nicht, dass wir ein vollkommen neues Leben beginnen,
sondern dass wir lernen, das vorhandene Leben neu zu betrachten –
und darin unseren Platz zu gestalten, facettenreich und leuchtend.