Jeder Mensch ist sein eigenes Rätsel, und dieses Rätsel trägt nicht die Gestalt einer Aufgabe, die gelöst, sondern die eines Geheimnisses, das betrachtet und ausgehalten werden will. Ein Rätsel im existenziellen Sinn verlangt nicht nach Entschlüsselung, sondern nach Staunen. In diesem Staunen liegt nicht bloß ein romantisches Verweilen, sondern eine Haltung, die den Menschen in seiner Unverfügbarkeit anerkennt. Wer den anderen auf diese Weise ansieht, nimmt ihn nicht als Objekt, sondern als Subjekt wahr – als ein Wesen, das sich in seiner Tiefe immer schon entzieht und dennoch Begegnung ermöglicht.
Beinahe mehr noch als für andere, bleibt der Mensch sich selbst ein Mysterium. Wer in sich hineinblickt, erfährt nicht Klarheit, sondern Mehrdeutigkeit. Das Bewusstsein mag sich in Kategorien, Diagnosen oder biografischen Erklärungen spiegeln, doch bleibt die Quelle des Erlebens – das „Woher“ der Gefühle, Gedanken, Wünsche – letztlich undurchdringlich. Freud sprach von einem Unbewussten, das stärker ist als das Ich; die Phänomenologie verweist auf die unerschöpfliche Tiefe der gelebten Erfahrung, die nie vollständig reflektiert werden kann. Hinter jedem Versuch, sich zu verstehen, bleibt ein Rest, der sich entzieht – und dieser Rest ist nicht Fehler, sondern Signatur der Lebendigkeit.
Philosophisch wird darin ein Grundzug menschlicher Existenz sichtbar: Der Mensch ist sich selbst entzogen. Er überschreitet in jedem Augenblick sein eigenes Begreifen. Kierkegaard bezeichnete diese Spannung als „das Selbst, das sich zu sich selbst verhält und in diesem Verhältnis auf das Unendliche verweist“. Das Rätselhafte ist also nicht nur Mangel an Wissen, sondern Ausdruck des Transzendenten im Inneren: Die Dimension, die uns immer schon übersteigt und dennoch unser Selbst ausmacht.
Dieses Nicht-auf-einen-letzten-Grund-Reduzierbare verweist auf eine besondere Würde. Wenn ich sage: „Jeder Mensch ist ein Rätsel“, anerkenne ich die Grenze meiner Deutung. Ich erkenne an, dass jeder Versuch, den anderen restlos zu erklären – durch Biografie, Psychogramm, Kultur oder Gene – notwendig scheitern muss. Und gerade dieses Scheitern ist fruchtbar: Es öffnet den Raum für Begegnung, für Achtung, für ein Staunen, das niemals veraltet.
Zum Rätselhaften gehört auch das Dunkle. Es ist jene Zone des Nichtwissens, die nicht hell erleuchtet werden kann, ohne dass sie ihre Wahrheit verliert. Der Blick ins Dunkle kann beängstigen, weil er die vertrauten Sicherheiten auflöst. Wir erschrecken nicht selten vor uns selbst, wenn uns im Traum, in der Krise oder in der plötzlichen Selbstbegegnung Seiten entgegentreten, die wir nicht erwartet haben. Doch das Dunkle als solches ist nicht bedrohlich. Es trägt keine Absicht, es ist keine feindliche Macht. Es ist schlicht Ausdruck der Tiefe des Lebens – jener Dimension, die sich dem Zugriff entzieht. Angst entsteht nicht durch das Dunkel selbst, sondern durch unser Bedürfnis, es zu kontrollieren. Wenn wir lernen, das Dunkle als Teil des Mysteriums anzuerkennen, kann es nicht nur beunruhigen, sondern auch bereichern: als Raum, in dem Möglichkeiten wohnen, die wir noch nicht sehen.
In der Psychologie wie in der Philosophie sind Versuche, den Menschen „zu erklären“, stets begleitet von einer Rücknahme: Ja, wir wissen viel – über neuronale Verschaltungen, über Bindungsmuster, über Entwicklungsdynamiken –, und doch bleibt der letzte Grund verborgen. Das Rätsel ist nicht das Problem, sondern die Bedingung, unter der wir Mensch sind.
So kann man sagen: Die eigentliche Aufgabe des Lebens ist nicht, das Rätsel zu lösen, sondern sich von ihm verwandeln zu lassen. Wer sich selbst als Rätsel erkennt, befreit sich von der Illusion der völligen Transparenz und lernt Demut. Wer den anderen als Rätsel anerkennt, lernt Respekt. Und wer im Rätselhaften nicht nur ein Defizit, sondern eine Quelle des Staunens entdeckt, erfährt eine Art von Weisheit, die nicht Wissen, sondern Haltung ist.
Das Rätsel bleibt. Doch gerade darin liegt die Schönheit menschlicher Existenz.