Keine fünf Meter weit sehe ich durch den dichten Nebel. Das ist ziemlich wenig, wenn man in den Bergen mit einem dicken Rucksack unterwegs ist und den Weg nicht kennt. Ich bin verloren gegangen. Oder vielleicht habe auch ich mich verloren, vielleicht war ich zu sehr mit einem streifschussverletzten Herz beschäftigt, vielleicht zu sehr gedankenverhangen, vielleicht ... vielleicht ... hilft mir nicht weiter. Ich bin trotz der Anstrengungen durchgefroren, ganz durchnässt, habe schon 8 km Irrweg hinter mir. Vor mir sehe ich den nächsten Schotterhang, in einem Neigungswinkel, zu dem wir früher Klettergurt und Seil verwendet hätten. Aber mein "point of no return" ist seit circa 2,5 Stunden hinter mir. "Vorwärts, hoch", flüstere ich mir zu und es macht mir ein ganz komisches Gefühl, dass irgendwo auf der Welt irgendjemand an mich denkt...

Oben angekommen finde ich tatsächlich doch einen Pfeil, der nach links auf einen sumpfigen, grasigen Abhang weist. Erleichtert folge ich ihm. Und stehe nach 15 Minuten wieder am Fuß der letzten Steigung. Ich bin im Kreis gegangen. 

"Nur für technisch versierte, konditionsstarke Pilger mit Orientierungssinn", höhnt es neben mir.

"Nicht gelesen?"

"Ach", seufze ich, "ich habe dich ja schon beinahe vermisst. Aber hier hätte ich nicht mit dir gerechnet", begrüße ich den Tod. "Genau deswegen wollte ich ja den anderen Weg gehen!"

"Und, wie war es bislang? Hast du schon gefunden, was du gar nicht gesucht hast, oder dich wieder selbst abgehängt?", veräppelt er mich und legt mir überraschend sanft und warm seine Knochenhand in den Nacken. Die letzte Hand, die mich dort berührte, keine zehn Tage ist es her, war überraschend sanft und kühl und gehörte einem lebenden Menschen,  der den Namen eines griechischen Gottes trug.

Ich drehe mich um und stapfe den Graspfad wieder hoch. Mein letztes trockenes Paar Strümpfe ist durchweicht, meine einst regendichten Schuhe haben bereits vor Tagen und ca. 200 km aufgehört, regendicht zu sein. Der Berg macht es mir nicht leicht, er fordert mich heraus.

Dennoch habe ich den Eindruck, dass sämtliche Berggeister neben mir wandeln. Weder bösartig noch wohlwollend, eher neutral-interessiert beobachten sie jede Entscheidung, die ich treffe.  

Jeder Moment beinhaltet eine Wahl. Offenkundig: welche Richtung ich einschlagen, ob ich jetzt mein letztes Wasser trinke, etc.

Relevanter erscheinen mir jedoch die nicht so offenkundig Entscheidungen: Welche Gedanken ich zulassen, welche Interpretationen ich als real erachte, welche Bedeutung ich Gefühlen, Wahrnehmungen oder auch Aussagen anderer gebe. 

"Ich bin gespannt, was mich finden wird, ohne dass ich es überhaupt je suchen wollte.", entgegne ich dem Tod.

Von fern höre ich Gebrüll, Hundeleinen und Kuhglocken. Ich quäle mich weiter durch den Matsch, "Kann ich vorbei?", frage ich den Bauern, der wild versucht, seine Bullen und Kühe von dem schmalen Steig zu scheuchen, um mir Platz zu machen. 

"Oh, du sprichst meine Sprache!", freut er sich, "komm nur, komm nur!", ruft er mir entgegen. Seine beiden kalbsgroßen Hütehunde rennen mir entgegen, ich sehe ihrer Körperhaltung ihr Wohlwollen an. Sie schmiegen sich an mich, wollen Zuwendung. 

"Bist du allein oder kommen noch andere?", fragt er mich.

Und ich, die ich doch diese fremde Sprache recht gut beherrsche, vergesse ich meiner Antwort zwei Buchstaben an einem Wort, und so wird aus "ich bin allein" "ich bin verlassen".

Ich schmunzele, schaue über die Schulter, der Tod ist verschwunden. Für den Augenblick ist er gegangen. Ich plaudere ein wenig mit dem Kuhbauer, schöpfe so Kraft für den weiteren Irrweg, den Berg hinab, die heute noch ausstehenden 28 km im Regen, die nächsten Pilgertage, die nächsten Attacken auf meinen Mut und mein Gemüt, die Streifschüsse für mein Herz, den Widerstand des Sirenengesangs, die verbleibende Zeit auf Erden.

Buen camino, compañeros!

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