Was die Zeitungen heute schreiben, ist morgen meist vergessen, Auf der Jagd nach immer neuen Schlagzeilen bleibt nicht nur manche Wahrheit auf der Strecke sondern oft auch das Bewusstsein für Persistenz und Ausmaß von Missständen. So scheint auch die gehypte „Me too-Debatte“ nicht zur zukünftigen Verhinderung von Übergriffen beizutragen.

Beinahe wirkt es so, als ob das öffentliche Anprangern von Missbrauch ein transitorisches Phänomen sei. Das publike Zurschaustellen des Erlebten relativiert dabei das Ausmaß der Bankrotterklärung einer ganzen Gesellschaft und trägt seinerseits nicht zur Veränderung der Ursachen bei.

Im Gegenteil: Wie ein in Gang gesetztes Perpetuum Mobile tragen die wie archaisch anmutenden Schauprozesse, die den Berühmtheitsgrad des Opfers wie des Täters tragisch steigern, nur zur Wiederholung der Missbrauchs-ursächlichen Dynamik bei.

So wichtig Opferschutz und Täterverfolgung sind, so dringend und notwendig therapeutische Begleitung und ggf. auch finanzielle / praktische Hilfen für die Betroffenen sind, so ambivalent sind die Medienschlachten rund ums Thema zu diskutieren.

Können die mitunter verheerenden Verletzungen an Psyche und Physis, die Missbrauch bedingt, überhaupt jemals wieder gut gemacht werden? Kann die verletzte Seele heilen, wenn nur entsprechendes Schmerzensgeld fließt oder der Täter durch die Tageszeitungen getrieben wird?

Es ist auch eine machiavellistische Grundhaltung der Indemnisation, es ist die übergriffige Pseudo-Ethik des „Schadensersatzes“, was dazu beiträgt, dass Missbrauch eben kein Einzelfall ist - sondern Spiegel einer ganzen kapitalistischen Gesellschaft.

 

Missbrauch ist keine Erscheinung der 1990er und 2000er Jahre. Missbrauch ist gesellschaftlich bedingt und fest in den Machtstrukturen eines narzisstisch-machiavellistischen Systems verankert. Eine Gesellschaft, die sich auf Submission und Dominanz gründet, die Durchsetzungsvermögen von den Anführern und Anpassung von den Untergebenen fordert und fördert, die es denjenigen erlaubt, sich hierarchisch vertikal zu bewegen, die besonders gut im Manipulieren und / oder Selbstdisziplin sind, konditioniert ihre Mitglieder von Anfang an auf Übergriffigkeit und deren Erduldung.

Wir dürfen jedoch dieses Problem nicht an das abstrakte Monstrum „Gesellschaft“ abgeben: Denn wir sind es, die die Gesellschaft formen. Wir bilden in unseren privaten Beziehungen in unseren Familien die Kernsysteme, die die Gesellschaft auf der Makroebene spiegelt.

 

Übergriffigkeit und Missbrauch werden im Alltag im familiären Umgang oft derart normalisiert, dass sie nicht mehr wahrgenommener, unhinterfragter Standard im zwischenmenschlichen Umgang sind: All die Fotos, die wohl von uns allen als Babys und Kleinkinder nackt in der Badewanne oder auf dem Töpfchen existieren, all die Male, dass wir einem Fremden die Hand geben sollten, dass wir dafür gelobt wurden, wie „nett“ wir zu anderen Menschen sind!

Da sind das verlangte „Küsschen für die Tante“, das geforderte „Abschiedsbussi für den Papa“, die ritualisierte „Gute-Nacht-Umarmung für die Mama“. Da ist es normal, dass der Vater der Tochter auf den Hintern klopft, dass ein „Stell dich nicht so an, ist doch nur Spaß“ jede Gegenwehr verhindert. „Sie schaut so lieb, dass man ihr nichts abschlagen kann“ wird als Kompliment ausgesprochen, ein betörender Augenaufschlag als angelerntes Verhaltens garantiert Erfolg. Sich klein machen, kokettieren, dem anderen schmeicheln, sich nicht wehren, ein schief gelegtes Köpfchen bringt Vorteile mit sich: Wir sind familiär und gesellschaftlich konditioniert, Narzissten zu huldigen.

Da ist die mit einem zuckersüßen Lächeln vorgebrachte Bitte an die sekundären Bezugspersonen, das Kokettieren mit sexuellen Reizen schon bei Kinder-Musik-Shows. Und weiter sind das Flirten im Beruf, das Stillhalten, wenn die Chef-Person mal über die Schulter streift, die engeren Hosen oder das tiefer ausgeschnittene Dekolletee beim Bewerbungsgespräch.

Ebenso relevant ist der Gestus der psychischen Unterwerfung: Die stillschweigende Akzeptanz der Entwertung durch vermeintliche Autoritätspersonen, der Versuch, sich strategische Vorteile durch Sympathie bei den Entscheidungstragenden zu erwirken... Von Kindesbeinen an wird uns beigebracht, andere Menschen mit unseren Reizen zu manipulieren, uns wird gezeigt, dass wir Vorteile dadurch haben, andere gewähren zu lassen.

Auf diese Weise sichert die Gesellschaft ihre eigenen narzisstisch-machiavellistischen Mechanismen ab, die erst Missbrauch erlauben.

Es reicht nicht (auch, wenn es bitter nötig ist!), den Opfern Stimme und Gesicht zu geben und die Täter zu finden und zu strafen: Wir müssen uns von Grund an einen achtsamen, wertschätzenden Umgang miteinander aneignen, wir müssen über die Sprache hinaus einen wahrhaft geschlechtsneutralen Umgang miteinander finden.

Wir benötigen geschlechtsneutrale Bewerbungsprozesse (Frauen- und Männerquoten verschlimmbessern das Problem!), wir haben damit auch nach Leistung und nicht nach Genus und persönlicher Attraktion zu entscheiden.

 

Doch um so weit zu kommen, haben wir im Kleinen anzufangen – denn es ist die Übergriffigkeit im Mikrokosmos der Familie, die auf der Makroebene der Kindergärten, Schulen, Ausbildungsinstitute und schließlich Unternehmen Gewalt und Missbrauch bedingt.

Erziehungspersonen müssen Kindern erlauben, sich auch gegen sie selbst abzugrenzen und zu wehren. Der Papa, der ein Küsschen von seinem Kind verlangt, muss akzeptieren, dass das Kind andere Bedürfnisse hat. Die Mama darf ihr Kind nicht zum Vorführen des neuen Badeanzugs zwingen, die Tante darf sich nicht beleidigt verhalten, wenn auf ihr tolles Geschenk kein Dank des Kindes erfolgt. Keine abgeluchsten Umarmungen, keine Belohnung für besonders niedliche Unterwürfigkeit – vehementes Eintreten für die Schwächeren und direkte Machtbegrenzung übergriffiger Personen gehören dazu.

Es wird dauern, und doch können wir ein besseres, respektvolles Miteinander, das auf reziproker Achtung baut, erreichen. Damit „Me too“ endlich im Keim vorgebeugt werden kann.

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