In der Medizin existiert ein ebenso schlichtes wie verstörendes Verfahren zur Behandlung von Phantomschmerzen. Menschen, denen ein Arm oder ein Bein amputiert wurde, leiden bisweilen unter Schmerzen in einem Körperteil, der längst nicht mehr existiert. Eine Spiegelkonstruktion stellt dem Gehirn das Verlorene wieder zur Verfügung. Der erhaltene Arm wird gespiegelt, die fehlende Hand scheint sich zu öffnen, die Finger bewegen sich, als hätten sie den Körper niemals verlassen. Manchmal genügt dieses Trugbild, damit ein Schmerz verschwindet, der über Jahre jeder pharmakologischen Behandlung widerstanden hat.
Dieses Verfahren erzählt weit mehr über das menschliche Bewusstsein als über die Medizin. Das Gehirn besitzt keinen unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit. Es sieht die Welt nicht. Es berührt sie nicht. Es kennt lediglich elektrische Erregungsmuster, aus denen es Wirklichkeit konstruiert. Wahrnehmung ist Interpretation; Erinnerung ist Rekonstruktion. Zwischen Gehirn und Welt existiert keine direkte Verbindung, sondern ein Gewebe aus Bedeutungen.
Vielleicht liegt genau darin eine Hoffnung.
Auch Erinnerungen sind keine konservierten Abbilder vergangener Ereignisse. Sie gleichen eher einem Text, der sich mit jeder Lektüre verändert, einem Fluss, dessen Bett sich mit jeder Jahreszeit verschiebt, einem Gewebe, das mit jedem neuen Faden eine andere Gestalt annimmt. Neurowissenschaftlich wissen wir heute, dass Erinnerungen während ihres Abrufs erneut formbar werden. Jede Erinnerung ist zugleich Erinnerung und Neuerfindung.
Traumata erscheinen unter diesem Blickwinkel wie Phantomschmerzen der Seele.
Nicht nur das, was geschehen ist, hinterlässt Narben. Manchmal schmerzt noch viel tiefer das, was niemals geschah und doch hätte geschehen müssen. Die schützende Hand, die ausblieb. Die Stimme, die sagte: »Du bist sicher«, obwohl niemand sie sprach. Der Blick, in dem ein Kind sich selbst als liebenswert erkannt hätte. Auch das Fehlende besitzt eine erstaunliche Wirklichkeit. Das Gehirn kennt keinen Unterschied zwischen einer verlorenen Hand und einer niemals erfahrenen Geborgenheit. Beides hinterlässt Spuren im Nervensystem.
Vielleicht können wir gerade deshalb Erinnerungen nicht nur ertragen, sondern behutsam umschreiben. Nicht indem wir die Vergangenheit verleugnen oder uns eine schönere Kindheit erfinden. Die Vergangenheit bleibt, was sie gewesen ist. Doch die Bedeutung, die sie im Inneren trägt, ist kein unabänderliches Schicksal. Wenn das Gehirn auf ein Spiegelbild antwortet, warum sollte die Seele nicht auch auf Bilder antworten, die wir ihr mit derselben behutsamen Sorgfalt schenken?
Vielleicht lohnt es sich deshalb, einen Brief an jenes Kind zu schreiben, das wir einmal gewesen sind. Nicht, weil Worte die Geschichte verändern könnten. Sondern weil sie den Ort verändern können, den diese Geschichte in unserem Inneren bewohnt.
Meine Kleine,
wie viele Jahre hast du geglaubt, irgendwo müsse jener Mensch leben, der stark genug wäre, die Gesetze des Schicksals außer Kraft zu setzen. Einer, der durch die Flammen deines Elternhauses schreitet und dich, wie Antonio Banderas in den Heldenfilmen, die wehrhafte und zugleich schutzlose Frau, auf seine Arme nimmt und davonträgt. Welch hartnäckige Erzählung. Welch tief eingeübtes Bild von Weiblichkeit. Als müsse Erlösung immer von außen kommen und Liebe vermöge den Lauf der Zeit zu widerrufen.
Sein Gesicht wechselte im Laufe der Jahre. Die Hoffnung blieb dieselbe. Irgendjemand würde zu spät kommen und doch früh genug sein.
Du konntest damals nicht wissen, dass jeder Erwachsene seine eigenen Schlachtfelder mit sich trägt. Auch dein Mentor, der einzige Mensch, dem du damals eine Ahnung deiner Verletzlichkeit gezeigt hast, sprach nicht aus Grausamkeit, als sein »Heul doch nicht« zu deiner Lebensregel wurde. Er sprach aus einer vom Krieg verwüsteten Welt, in der Tränen keinen Ort mehr hatten und in der er viel zu früh hatte lernen müssen, dass jeder Mensch seiner eigenen Lachesis allein entgegentritt. Vor der Schicksalsgöttin gibt es keinen Stellvertreter. Niemand nimmt dir den Faden aus der Hand, niemand trägt dein Los für dich. Seine Jugend war im Krieg verloren gegangen; deine verschwand auf andere Weise. Jeder Mensch gibt weiter, was das Leben ihm selbst eingeschrieben hat. Manche geben Trost weiter. Andere Härte. Wieder andere Schweigen.
Vielleicht hätte er dir, wenn er damals nicht selbst noch zu jung gewesen wäre, um diese Erkenntnis aussprechen zu können, eines Tages gesagt: Ich kann nicht dein Held sein. Ich kann dich nicht retten. Und ich will es auch nicht. Nicht, weil du der Rettung nicht würdig gewesen wärst, sondern weil jede Rettung, die den anderen von seinem eigenen Weg erlösen will, am Ende nur eine neue Abhängigkeit erschafft. Vielleicht wäre gerade dieser Satz der liebevollste gewesen, den er dir hätte schenken können.
Du hast lange geglaubt, Rettung sei eine Begegnung.
Heute ahnst du, dass sie eine Bewegung ist.
Eine Bewegung zurück zu jenem Kind, das so geduldig auf den Klang fremder Schritte gelauscht hat.
Nimm nun die Erinnerungsfäden auf. Die feinen, glitzernden, fast schwerelosen, die sich wie Spinnenweben über eine Waldlichtung im spätsommerlichen Morgentau legen, dürfen über dein Gesicht streichen. Sie erzählen von allem, was trotz allem schön war; von Augenblicken, in denen das Licht selbst durch die schmalsten Ritzen fiel und die Welt für einen Atemzug ihre Härte vergaß.
Und dann nimm auch die anderen Fäden auf. Die zähen, klebrigen, die tief unten im Kellerverlies entstanden sind, dort, wo Angst langsam zu Stein wurde. Du musst sie nicht länger von dir reißen. Gerade sie besitzen jene Festigkeit, mit der sie dich einst gefangen hielten. Aus ihnen kannst du Speere schnitzen. Du kannst ein schimmerndes Gewebe daraus weben, das sich wie eine schützende Haut um deine nackte Seele legt und die Pfeile abfängt, die sich immer wieder dorthin bohren wollten, wo deine Haut am dünnsten war und die Seele ihre Löcher trug.
Vielleicht gleicht Heilung der Spiegeltherapie bei Phantomschmerzen. Der verlorene Arm kehrt nicht zurück, und doch verändert sich der Schmerz, weil das Gehirn lernt, eine andere Geschichte über ihn zu erzählen. Auch deine Vergangenheit wird nicht ungeschehen. Sie wird ihren Platz in deinem Leben behalten. Aber ihre Fäden müssen dich nicht länger fesseln. Du darfst sie selbst verweben.
Vielleicht besteht Heilung darin, dass Lachesis den Faden nicht neu spinnt.
Vielleicht besteht sie darin, dass du lernst, ihn mit ruhiger Hand selbst weiterzuführen.